Heldart

03/2011    martin walde    zeitlabor 

PDF #3

Comics erschliessen Räume, in denen alles möglich ist. Die Comicwelt verdichtet in diesen Räumen Zeit und Geschehnisse mittels narrativer Strukturen zu einer hyperrealistischen Parallelwelt. Nach der Ausstellung “journey into unknown worlds – a postapocalyptic tale of humanity” setzt heldart die Beobachtung von Parallelwelten mit der Ausstellung “Zeitlabor” des Documenta-Künstlers Martin Walde fort. Er übersetzt die für Comics und Parallelwelten typische “Nicht-Begrenzbarkeit” in eine räumliche Dramaturgie.

“Zeitlabor”
Im “Zeitlabor” gibt  Martin Walde dem Besucher Elemente an die Hand, Zeit und Raum experimentell zu erfahren. Die Unendlichkeit von Zeit und Raum werden sinnlich erlebbar. Das “Zeitlabor” wird von einem Cyborg bewohnt, einer Fliege. Sie vereint verschiedene Aggregatszustände in einer “Zeitmaterialmythologie”. Ihr Raum ist nicht bestimmbar. Sie kommt aus einem Raum und taucht gleichzeitig in ihn hinein. Ihr Lebensraum ist erstarrtes Glas und elastisches Silikon, ihre Erscheinungsform illustrativ gemalt und ihre Bewegung materialisiert sich in menschlichem Haar.

So wie der Raum des Cyborgs nicht bestimmbar ist, so entzieht sich auch die Zeit einer klaren Definition. Unklar ist, wie lang das Leben einer Eintagsfliege eigentlich genau ist. An dem Cyborg muss der Besucher vorbei, um in das Zeitlabor einzutauchen. Darin angekommen, findet man Zeit und Raum in verschiedenen Aggregatszuständen vor:

1. OHNE TITEL (FLIEGE, 2011)

Im Cyborg, der Fliege (“Untitled”) teilmaterialisiert sich Raum und Zeit.

. teilmaterialisierende Zeit

2. THRESHOLD (2010)

Die Tür (“Threshold”) eröffnet ein Universum, in dem sich Zeit und Raum auflösen. Zeit fliesst und wenn sie irgendwann abgelaufen ist, kann man sie einfach oben am Türstock wieder ankleben. Die pinkfarbene Masse beginnt das zeitlich ungewisse Experiment von vorn und malt eine Schnur am Boden, die langsam verrinnt.

. fließende Zeit

3. VISKOELASTISCHE ZEIT (2010)

Vor dem Glastisch mit dem scheinbar herunterfließenden, aber erstarrten Silikon ist Zeit und Raum in einem elastischen Agreggatszustand eingefangen.

Das Silikonmaterial verändert sich durch minimale Einflüsse bzw. Störungen wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Zugluft auf unvorhersehbare Weise.

Die elementaren Bedingungen wirken auf das Elastosil ein und wirken sich auf den Aushärtungsprozess aus, der die Form bestimmt. Fast so wie ein Fehler, wie eine Katastrophe. Die Grundform wird schließlich durch einen Plan geformt, der  sich veraendernde elementare Einfluesse mit einbezieht und den Ausgang dadurch nie abschließend kontrollieren kann. Der Beipackzettel zur sicheren Verwendung wird manipuliert.

. elastische Zeit

4. TALES OF PP (2007, 2009)

In Tales of PP (Pink Panther) wird Zeit und Raum scheinbar greifbar. Die pinkfarbenen Elemente sind Charakter  – sie sind jeder für sich einzigartig, bieten aber unendlichen Andock -und Erweiterungsmoeglichkeiten – immer 4 bis 6 Ansteckmuoglichkeiten pro Charakter. Es entsteht eine Raumerfahrung. Wie beim  Philosophieren, werden Systeme und Bewusstwerdung aufgebaut, demontiert, konstruiert, dekonstruiert – eine gleiche Raumsituation ist so gut wie nie reproduzierbar. Unendlich gross bzw, klein sind die mögliche Verschiebungen der pinkfarbenen Elemente, Positionierungen im Raum, Steck -und Kobinationsmöglichkeiten.

Die Begrenzung des Raumes wird empirisch z.B. durch die physikalische Begrenzung des Materials erlebt. Die Carbonstangen fangen an sich zu verbiegen.

Es entsteht immer etwas Neues, wenn sich die “Tales of PP” im Raum verspreizen, wie in einem endlosen Gedankenspiel.

. räumliche Zeit

5. THE RETURN OF PP (2010)

Die Rückkehr der Zeit, kodiert diese in einem Einzelcharakter, der sich durch Farbe und Größe von den pinkfarbenen Elementen unterscheidet. Er ist durch sich selbst begrenzt, denn es gibt ihn nur einmal. Er verweist auf die Möglichkeiten aus einer anderen Zeit und ist hier, grell und gelb.

. wiederkehrende Zeit

6. DER DUFT DER VERBLÜHENDEN ALPENROSE (2002/2011) – Installation 2

Die Flasche mit den tiefroten, ätherischen Duftölen wird an die Decke geschraubt. Es erinnert an Manzonis Sockel der Welt – die Flasche steht über die Decke (die Decke ist ihr Gewinde)  des Raumes mit der Welt in Verbindung.

Man müssste auf die Leiter steigen, die Flasche abdrehen und dann riechen – der Duft scheint wie die Zeit unerreichbar. Er ist eine Referenz zur sich dehnenden Zeit .

Es ist der Duft verblühender – nicht etwa blühender oder schon verblühter Alpenrosen.  Hier wird wieder Zeit im Raum scheinbar greifbar gemacht und doch entzogen durch das Zitat des Blühenden, einem in der Zeit gedehnten Begriff des Jetzt. Mit dem Verzerren einer Konstanten wird somit ein nicht fassbarer Aggregatszustand vorgestellt.

. dehnende Zeit

IMG_8288.jpg VISCOELASTIC TIME, 2010
MG_82571.jpg VISCOELASTIC TIME, 2010
IMG_8290.jpg installation view
IMG_82821.jpg THRESHOLD, 2010
IMG_8228.jpg UNTITLED (FLY), 2011
IMG_82291.jpg UNTITLED (FLY), 2011
MG_8252.jpg installation view
IMG_83021.jpg installation view
IMG_8300.jpg UNTITLED (PROTOTYP), 2011
IMG_8298.jpg LEAKING, 2011
IMG_8294.jpg VISCOELASTIC TIME, 2011
IMG_8208.jpg TALES OF PP SERIE 1, #1 installation view
MG_82451.jpg TALES OF PP serie 1, #6 #7, 2007
IMG_81771.jpg TALES OF PP serie 1, #6 #7, 2007
IMG_8145.jpg TALES OF PP serie 1 #1, 2007
IMG_8192.jpg DER DUFT DER VERBLÜHENDEN ALPENROSE, 2002/2011
IMG_8163.jpg THE RETURN OF PP, 2010
IMG_82061.jpg TALES OF PP SERIE 1 #3, 2007
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