#09 last order II

heldart and artists

Saadane Afif, John Bock, Heiner Franzen, Robert Hawkins, Arturo Herrera, Andy Hope 1930, Michael Kunze, Nikolaus List, Kerstin Schröder, Manfred Pernice, Martin Städeli

last order II

Die Ausstellung last order II bezieht sich auf zwei Reiterstandbilder, die im Juni 2012 bei heldart zu sehen waren:

  1. ein von Gaddafi 2009 in Auftrag gegebener und erstmalig öffentlich gezeigter Originalentwurf eines 60 m hohen Reiterstandbildes für Tripolis. Es zeigt den beduinischen Freiheitskämpfer Omar Mukhtar, der von den Italienern 1930 hingerichtet wurde
  2. ein 1912 entstandener originaler Bronzeentwurf für das in Saarbrücken errichtete Ulanendenkmal des Bildhauers Fritz Klimsch.

Die beiden Skulpturen bilden den Ausgangspunkt für Assoziationen zur gegenwärtigen Kunstsituation und -produktion. In last order II zeigt heldart zehn Positionen zeitgenössischer Künstler:


Saadane Afif – 
“Evidence” , 2012  (Edition 20 mit Lanze/2 Kugeln)

Die Lanze steckt in der Wand, zwei Kugeln in der Decke. Die Kugeln (sogenannte 7,62 mm Mosin-Nagant oder Mosin M 1891/30 Patronen) gehören zu einem russischen Infanteriegewehr von 1930 und entsprechen in ihrer Grösse dem Gewehrlauf des im Juni 2012 gezeigten Reiterstandbildes (Omar Mukhtar). Die Lanze ist eine Kopie der Lanze des eben dort gezeigten Entwurfes des Ulandendenkmals von Fritz Klimsch.

 John Bock – „ohne Titel“,  2012

Heiner Franzen – “Bliev wech van mien Gerechtigkeit”, 2012  (Videoloop)

Das Pferd im Videoloop stammt aus Tarkowskis “Andrej Rubilow”. “Bliev wech van mien Gerechtigkeit” ist Rheiderländer Platt (damit bin ich aufgewachsen) und geht auf einen Ausspruch meines Großvaters zurück, der mit der Flinte im Anschlag ungebetene Gäste von seinem Grund und Boden, seiner “Gerechtigkeit”, vertrieben hat. Auf diesem Areal, das in jeder Hinsicht außergewöhnlich war, habe ich meine ersten Lebensjahre verbracht.

Robert Hawkins – „Ohne Titel“ , 1995 – 2011 (2 Jacken)

Die Jacken wurden angemalt und getragen im Zeitraum von 1995 bis 2011. Das Gesicht von Lincoln hat seinen Ausdruck mehrmals gewechselt in dieser Zeit; von mutig zu verängstigt, wütend, wahnsinnig. Mutter Theresa wurde restauriert, wie ein gutes altes spanisches Fresko, viele Male. Es geht nicht um die Liebe oder Wertschätzung dieser Leute, als vielmehr ein sofort erkennbares ikonographisches Portrait zu malen. Die Jacken sind jetzt einfach zu abgetragen und sind jetzt Kunstobjekte.


Arturo Herrera – 
„Schloss“ , 2009 (Edition of 7 prints)

Die originalen Kuchenfotos stammen aus dem Buch „MODEKO“, Rezepte und Anleitung Moderne Dekorkunst in der Kondotorei, 1927. Das Buch stellt Möglichkeiten vor, Kuchen für die verschiedensten Anlässe und deren Auftraggeber zu dekorieren.


Andy Hope 1930 – 
“I am a Failure”, 2012 (Acrylic on newspaper)


Michael Kunze – 
„Letzter Auftrag Ekeldamm“, 2012 (Öl auf Leinwand)

Das Bild spiegelt nach dem Ende aller Grossauftragskunst nur noch das Lichtspiel der Ausstellungssituation des Modells in den Räumen von heldart.


Nikolaus List – 
“Das Abkommen II”, 2012

Wie das Pferd in früheren Jahrhunderten für Kraft, Bewegung, militärische Macht und Rang stand, verkörpern die Qualle und das afrikanische Warzenschwein Eigenschaften der heutigen Zeit: Die Qualle, scheinbar schwerelos und tranceartig, schwebt wie die zunehmende Vergeistigung des Körperlichen. Die finale Fiktion von Wirklichkeit.

Das afrikanische Warzenschwein kennt nur das Drama von körperlicher Direktheit. Mit Hochgeschwindigkeit werben Qualle und Schwein auf dem Sockel der Tugend miteinander und gegeneinander für ihr Konzept.


Kerstin Schröder – 
„Virago“, 2012 (1:1 Bronzeabguss eines altertümlichen ledernen Kummets)

Ursprünglich als Joch Pferden über den Hals geworfen, zur maximalen Ausbeutung der Kraft des Tieres, lehnt er hier mit der ganzen Schwere seiner neuen bronzenen Hülle an der Wand.

Durch die unverkennbare Ähnlichkeit mit den Grundformen des weiblichen Geschlechts, verschiebt die Skulptur die Frage nach der Machtbeziehung Mensch versus Kreatur zu der von Mann und Frau und assoziiert am Rande die komplexe Metaphorik von Geburt, wenn man sie sich als kopfumschlingend vorstellt

Manfred Pernice Martin Staedeli – „ RINO 14 (mixed media)“, 2012

Die Grundlage für die neue Arbeit RINO14 bei heldart ist eine Ausstellung in der Galerie May36, Zürich (Dezember 2011 bis Januar 2012).
Exzerpt aus dem Pressetext der Galerie May36:
Marino Marini und das Marino Marini Museum waren der ursprüngliche Anlass zum Ausgangspunkt für Fragen zu figurativer Abstraktion, bzw. Figuration oder Gegenständlichkeit überhaupt.

(Marino Marini und das Museum selber mit seinen Regalen, Podesten, seinem Inventar, Figuration in der Bildhauerei)
M. fungierte als Erinnerung an scheinbar überwundene, scheinbar längst gelöste und beantwortete Fragen zu Gegenständlichkeit, Figuration und Abstraktion. M. fungierte als Aussenstelle, als Drittperson, durch die sich diese Fragen stellen, aus deren Arbeit sich diese Fragen ergeben.

In diesem so erzeugten Bereich “bewegen” wir uns frei, also mehr oder eben weniger interessiert, zu und abgewendet. Auf diese Weise entstehen Artikulationen, welche divergierend, rückgekoppelt, übertrieben oder entschieden argumentierend sein können. Wiederholung, Vergegenwärtigung, Stapel,

Sturz, Variation, Pferde und Museum, Kunst gegen Handwerk, Agression als …, Erinnerung, Deformation, …

Wie immer wird sich das alles in der Ausstellung selber zeigen.

(text: Manfred Pernice, Martin Städeli)

epilog

Die Komplexität der Antworten auf die „heroischen“ Reiterstandbilder der ersten LAST ORDER Ausstellung wird bei LAST ORDER II durch das imaginäre Umdrehen des Podestes als Präsentationsrahmen unterstützt, der ja normalerweise die Arbeit erhebt und auch gleichzeitig von seiner Umgebung trennt. Die seltsame Architektur des Kesselhauses erinnert an einen riesigen Podest der in diesem Fall die Arbeiten beinhaltet statt sie zu präsentieren.

(Text Drew Hammond)

 

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