Heldart

 11/2012    we have ways to make you talk

PDF #10

Künstler:
Larry Hama & Neal Adams, Thomas Bayrle, Geof Darrow, Robert Hawkins, Beto Hernandez, Jaime Hernandez, Andy Hope 1930, Dorothee Iannone, Loustal, Nikolaus List, Steve Mannion, Rebecca Morris, Raymond Pettibon, Pietro Sanguineti, Barney Steel, Larry Sultan, Giovanni Battista Tiepolo, Chic Young, Bill Ward, Wally Wood

Language is the dress of thought (Samuel Johnson) Diesmal fangen wir mit einem Zitat des in England meistzitierten Intellektuellen an: Samuel Johnson (1709 – 1784). Er war wegen seines 1755 verfassten Dictionary of the English Language berühmt geworden. Johnson archivierte darin nicht nur wissenschaftlich akribisch den englischen Wortschatz, sondern auch die literarische Sprache von Heroen wie Shakespeare, Milton und Francis Bacon. Sein Lexikon war revolutionär; nicht nur aufgrund des Einbeziehens von literarischer Sprache allgemein, sondern der von Shakespeare im besonderen. In den intellektuellen Zirkeln Englands war er alles andere als akzeptiert. Shakespeare scherte sich in seinen schriftlichen Erzeugnissen nicht um die Einheit von Ort und Zeit und wagte zudem einen weiteren sakrosanten Akt, nämlich das Tragische mit dem Komischen zu vermischen; ein Paradox, für das es keinen Platz in der sprachlichen Ideologie des 18. Jahrhunderts’ gab. Sprache galt da vornehmlich als Dekoration des Denkens. Heutzutage setzt man voraus, dass der Sprachstil auch Hinweise auf unsere Gedanken zulässt obwohl jeder weiss, dass er ebenso ein Kostüm, eine Verkleidung unseres Denkens sein kann und soll. Also, lasst uns endlich im Sinne der Aufrichtigkeit nackt sein – nicht unbedingt wie in der Geschichte Des Kaisers neuen Kleider von Christian Anderson. Obwohl, es gibt da eine gewollte Beziehung zu Anderson’s Story, in dem Sinne, das da wirklich was ist, wo nichts sichtbar ist. Es geht da nur zu schnell wieder in Richtung illustrativer Wirklichkeit, weil ein Kind das nur zu Offensichtliche ausspricht: der Kaiser ist nackt. Natürlich weiss das Kind nicht, dass es mit der Faktizität seiner Worte jegliche Imagination rund um die Nacktheit des Imperators gekillt hat. Oder um es an dieser Stelle mit Wittgenstein zu sagen: Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet…Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen. (Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus 1921, 1922). Die Ausstellung we have ways to make you talk ist weder dazu da, die Tatsache, dass der Kaiser unschuldiger ist als das Kind, zu verteidigen oder umgekehrt, diese etwa zu proklamieren – sie illustriert auch nicht einfach Wittgenstein’sches Gedankengut oder setzt sich für eine andere Bedeutung von Sprache als reinem Dekor des Denkens ein, siehe 18. Jahrhundert… Vielmehr lässt sie es mit mehreren nebeneinander existierenden Ideen krachen: mit der Idee von Sprache in Comics und Kunst, ‘Visuals’, mit der Idee von Nacktheit und Angezogensein, Geschlechterrolle und Erotik, mit weiblicher und männlicher Dominierung, Helden und Verlierern. In dem Buch Language and Mind schreibt Naom Chomsky (1968): “Die ganz normale Benutzung von Sprache ist ein kreativer Akt, innovativ und darüber hinaus unendlich in seinen Möglichkeiten.” In dem Statement schwingt auch die situationistische Idee von Sprache mit, die in Comics benutzt wird, ganz besonders in den Underground Comics der 60’er und 70’er Jahre. Nicolas P.Christy, Professor an der medizinischen Fakultät der Columbia Universität meint zu Sprache und Denken: “Es wird der Tag kommen, an dem es eine wirklich nackte menschliche Sprache gibt in der Denken und Sprache eins sind; das nackte Denken wird dann rein und vollkommen intakt kommuniziert werden. Möglicherweise werden wir dann wie die Subjekte in Anderson’s Des Kaisers neuen Kleiderallerdings mit besserem Wissen,  seiner Intention folgen und: ‘das anpreisen, was wir nicht sehen: das durchsichtige, das transparente Kleid durch das wir das Denken schlechthin erkennen.” Das wiederum führt uns wieder zum Anfang: muss es für alles einen Dresscode geben? Sind wir nicht alle in ein Netz aus archaischen Sehnsüchten und Eroberungswünschen eingesponnen, eingekleidet in hübschen Schalen, die flehentlich auf ihre Zerstörung hoffen. Wer hat nicht davon geträumt mal ein Superheld, ein Supergirl, ein Zuhälter, eine Bitch, Grössenwahnsinniger, Superreicher oder viagraabgefüllter Obelix mit Dauerständer und -Kraft zu sein? Es gibt ja noch soviel mehr Figuren, die man gerne mal wäre, stimmt’s!? In we have ways to make you talk gibt’s ein paar davon zu sehen: Eine Eros Zeichnung von Tiepolo, the last dance von Raymond Pettibon und auch sein Black Flag Punk Band Flyer auf dem Jim Morrison’s Schwanz gelutscht wird, oder Larry Sultans Photographie, auf der eine gebrauchte Rolle Kleenex zu sehen ist, die auf dem Boden eines Pornofilm Studios liegt. Sie ist eine kurze Erinnerung an den Vollzug, obwohl es eigentlich viel mehr zeigt, als nur das – und so verhält es sich auch in der Ausstellung. Die Show findet in einer High-end Modeboutique statt, die demnächst eröffnet und die sich zwischen Burberry und Maxmara am Ku’damm befindet – der Laden ist gegenwärtig noch Baustelle, die Räume vollständig nackt.

 

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