Heldart

02/2012   michael kunze    VOLLENDUNG

PDF #6

Jeder Anwesende der Grenzstation weiß jetzt, welche Rolle er bei der Hochzeit zu spielen hat.Taufe, Drogenumschlag und Totenfahrt sind Momente der zugehörigen Feierlichkeiten. Was gleichsam als die einfache Lösung eines schier endlosen De­chiff­­rier­vorgangs erscheint, lässt bis in die Einzelschleife eine größere Fügung er­ken­­nen: Die feuchte Quelle pervertiert. Eine nervöse Nase erfasst Dinge, die in der Luft lie­gen. Normalität wird zum Inhalt eines Abkommens mit ungültigen Unterschrif­ten, während sich überall da Erwartungshaltungen einschleichen, wo sich ein Glücks­­ritter von ironischen Gnaden eine Pause bei der Brautschau erlaubt. Schließlich sind die Polaritäten so präg­nant, dass es zum Showdown kommen muss: Der noch unaus­ge­­­wiesene Spiel­teilnehmer erkundigt sich in der Zeitung über die aktuelle Wetterlage und erhält dabei aus spätester Zeit eine Freikarte, auf welcher der Tag der Vermäh­lung verzeichnet ist, der die Wissenschaft etwas kosten wird. Bezahlt, getan! Wo das Missverhältnis zwischen Rittertum und Schlen­drian überhand nimmt, bildet sich über kurz oder lang eine neue Gemeinschaft um den Bruchstrich. Abgesehen davon, dass Vorder- und Rückseite der Münze ohnehin nicht mehr zu unter­scheiden sind, geht es jetzt darum, am Ufer des Acheron jene Lebens­geister zu überlisten, die ohne viel Auf­he­bens das Wort des Wissenden über eine schräge, aber unteilbare Einheit verwirklichen. Niemand in der Hoffnungsindustrie kann den aufgebundenen Bä­ren mehr bändigen, denn nur wer das Steuer einmal loslässt, kann erfahren, ob er es jemals in der Hand hielt! – Wer den Kurs nur noch Pi mal Daumen hält, der verfehlt jetzt die Schnapszahl seines Lebens. Und während unter der Gewitter­schicht die Hochzeitsgäste sich noch uneins sind, ob auch die Deppen zur Familie gehören, hat sich der geflügelte Wächter längst über die zu bewachende Grenze hinweg­gesetzt und auf dem Schlachtfeld seiner Amazonen das blutige Freudentuch ge­hisst. So weit so gut! – spricht der Ironiker des Schicksals, der immer schon beim Zuviel des Guten als der deus ex machina erschien. Er legt die Zeitung auf den Tisch und geht.

(Michael Kunze)

 

IMG_1765.jpg MICHAEL KUNZE exhibition view
IMG_1739-l.jpg UNTITLED, 2011
IMG_1725-l.jpg UNTITLED, 2011
IMG_1717-l.jpg UNTITLED, 2011
IMG_1715-l.jpg ATHEN, 8.9.2008
IMG_9020.jpg MICHAEL KUNZE MILOS, 17. - 18.09.2008
IMG_1713-l.jpg UNTITLED, 11.01.2011
IMG_1695-l.jpg MILOS, 18. - 19.09.2008
IMG_1687-l.jpg KARPATHOS PIYADIA, 18.09.2005