Heldart

 12/2011    heiner franzen     SCHICHTER   © photo: Jan Windszus

PDF #5

KOLJA REICHERT

Bring mich in den Kopf von Hei­ner Fran­zen

Der Zeich­ner Hei­ner Fran­zen und sei­ne Aus­stel­lung bei held­art

von­hun­dert, 11. April 2012

Eins der vie­len Miss­ver­ständ­nis­se in der Kaf­ka-​For­schung ist ja, Kaf­ka habe „Das Ur­teil“ in ei­nem Nacht­zug ge­schrie­ben, wäh­rend der ent­spre­chen­de Ta­ge­buch­ein­trag nur be­sagt, er habe die Er­zäh­lung nachts in ei­nem Zug ge­schrie­ben, also ohne Pau­se zu ma­chen. Dass ich mei­nen Ver­such ei­ner An­nä­he­rung an die Ar­beit Hei­ner Fran­zens in ei­nem Zug sit­zend be­gin­ne, hat vor al­lem da­mit zu tun, dass ich sel­ten ei­nen Text in ei­nem Zug run­ter schrei­be und dass mir wei­ter­füh­ren­de Ge­dan­ken we­ni­ger dann kom­men, wenn ich mich auf sie kon­zen­trie­re, son­dern eher, wenn ich ge­ra­de ganz wo­an­ders bin, und da­für ist der Zug ide­al, weil er stän­dig wo­an­ders ist. Zum Schrei­ben zie­he ich mich des­halb ger­ne nach Mög­lich­keit in ei­nen Zug zu­rück, so wie Fran­zen, des­sen Zeich­nun­gen oft in ei­nem Zug ent­ste­hen, sich seit ei­ni­ger Zeit zum Zeich­nen mit Vor­lie­be in das Haus zu­rück zieht, das er in sein Ate­lier ge­baut hat. In des­sen wei­ße Wän­de und Gie­bel zeich­net er wie ein Höh­len­ma­ler Ge­flech­te aus For­men und Fi­gu­ren, die mal Kno­chen, mal Ge­sich­tern äh­neln und sich aus­wei­ten wie Scribbles für Trick­fil­me oder pro­vi­so­ri­sche Land­kar­ten. Da­zwi­schen kle­ben ver­pi­xel­te De­tails aus Paso­li­ni-​ oder Ku­brick­fil­men. Seit über zwan­zig Jah­ren macht Hei­ner Fran­zen Kunst, aber mit der neu­en Werk­pha­se, in die er sich seit drei Jah­ren vor­tas­tet, hat er sich noch ein­mal die Frei­heit ei­nes An­fän­gers zu­rück er­obert. Den ers­ten Au­ßen­auf­tritt mit Haus hat­te er 2010 in John Bocks In­stal­la­ti­on Fisch­Grä­ten­Melk­Stand in der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le. Das Haus schweb­te, in das Ge­rüst ein­ge­hängt, ein­ein­halb Me­ter über dem Bo­den, man tauch­te von un­ten hin­ein wie un­ter eine Tau­cher­glo­cke und fand dort ein fi­li­gra­nes Zei­chen­ge­spann, das ei­nen der Be­su­cher wohl der­art an­reg­te oder viel­leicht mit ei­nem „Das kann ich auch“-​Ge­fühl ver­sah, dass er oder sie es mit dem ei­ge­nen Stift fort­setz­te. Das war kurz be­vor die In­stal­la­ti­on fo­to­gra­fiert wur­de, und so ist die Ar­beit jetzt nur zu­sam­men mit dem frem­den Ein­griff do­ku­men­tiert, was aber ei­gent­lich ganz schön ist, weil es zu Fran­zens pro­zes­sua­lem Werk­ver­ständ­nis passt. Woll­te man Hei­ner Fran­zens Zei­chen­stil er­klä­ren, könn­te man auf Gus­ton zu­rück grei­fen, mit des­sen po­si­ti­vis­ti­scher Bild­be­hand­lung Fran­zen al­ler­dings we­nig zu tun hat. Denn sei­ne Ar­beit kann man ei­gent­lich nie ganz se­hen, sie ent­zieht sich be­reits im Ent­ste­hen, und des­halb ist es für mich auch so ver­dammt schwie­rig, Hei­ner Fran­zen zu ver­ste­hen. “In der Kunst im­mer al­les so lo­gisch”, sagt er in ei­nem un­se­rer Ge­sprä­che. “Ein Bild ist gleich er­klärt und man fragt sich wie kann das sein.” Stimmt. Fran­zens Ar­beit ist für mich ein Bei­spiel für die Schwie­rig­keit, Kunst mit Text bei­zu­kom­men. Und weil ein Ver­such, sei­ne Ar­beit zu fi­xie­ren, im­mer un­ab­ge­schlos­sen blei­ben muss, er­zäh­le ich hier die Ge­schich­te ei­ner Samm­lung von Frag­men­ten: Bring mich in den Kopf von Hei­ner Fran­zen. Un­ter­re­dun­gen mit Hei­ner sind An­ein­an­der­rei­hun­gen Witt­gen­stein­scher As­pekt­wech­sel und sei­ne Zeich­nun­gen sind es auch: Ab­strak­tio­nen von Er­in­ne­rungs­fet­zen, ar­chäo­lo­gi­sche Spu­ren, Funk­si­gna­le von frü­her, die Hei­ner in ‚pein­ture au­to­ma­tique‘ auf Pa­pier oder Wand über­setzt. “Wenn ich ver­su­che eine Er­in­ne­rung mit Spra­che zu ob­jek­ti­vie­ren, kann ich sie nur um­schif­fen. Die Zeich­nung bil­det den Ver­such di­rekt ab, als kla­re Form.” Fran­zens Mo­ti­ve ver­fol­gen ihr Ei­gen­le­ben wie eine Samm­lung von ‚cha­rac­ters‘, sie wie­der­ho­len sich über Mo­na­te, ge­hen un­ter, tau­chen Jah­re spä­ter ver­än­dert wie­der auf. Fran­zens Fi­gu­ren sind zu sehr Zei­chen, um auf et­was zu ver­wei­sen und zu sehr in Be­we­gung, um Zei­chen zu sein. Wer eine Fran­zen-​Zeich­nung kauft, kauft eine vor­läu­fi­ge Nach­richt, ein Bruch­stück ei­nes gro­ßen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tems, das sich nie kom­plett ver­mit­teln wird, so we­nig wie man in den ei­ge­nen Kopf bli­cken kann. Letz­ten Herbst hat Hei­ner Fran­zen ein Haus in die Ga­le­rie­räu­me von Mat­thi­as Held ge­baut. Zwei stuckier­te Alt­bau­räu­me sind dort durch eine Flü­gel­tür ver­bun­den. In sie hat Fran­zen sein Haus gleich­sam ge­scho­ben, so dass der Tür­rah­men zum Dach­bal­ken wur­de. Fran­zen hat also den Raum um­ge­stülpt, duld­sam und un­be­haust lie­gen drau­ßen die lee­ren Zim­mer, wäh­rend sich im In­ne­ren des Hau­ses, im Kunst­licht der Ne­on­röh­ren über Wän­de und Gie­bel Fran­zens Bes­tia­ri­um aus­tobt, in Gra­phit und Filz­stift und mit Krepp­band an­ge­hef­te­ten Zet­teln. Seit zwan­zig Jah­ren ver­wen­det er ein sach­li­ches, schie­fer­ta­fel­haf­tes Grün – “eine Un­far­be”, wie er sagt, die ihm den Weg aus der Zeich­nung er­lau­be, ohne in Ma­le­rei zu en­den. Hei­ner Fran­zen hat sei­ne Rea­li­tät in die Rea­li­tät des Raums ge­trie­ben, eine Ab­strak­ti­on sei­nes Kop­fes und dar­in ste­hen wir und Hei­ner re­det, sein Kopf be­nutzt mei­nen Kopf, er lädt et­was hoch, ein Back­up, das der Ob­jek­ti­vie­rung dient und der Sor­tie­rung der ei­ge­nen Da­ten­mas­se. De­ren In­spi­ra­ti­ons­quel­len lie­gen we­nig in der Kunst, häu­fi­ger im Film. Eine Aus­nah­me ist Ro­bert Bre­er mit sei­nen has­tig sich wan­deln­den For­men, an de­ren Rhyth­mus auch der kur­ze Zei­chen­trick­film er­in­nert, den Fran­zen in ei­ner Pro­jek­ti­on im Flur zeigt: mor­phen­de tin­ten­klecks­haf­te For­men wie ver­dräng­te Er­in­ne­run­gen, die kurz vor dem in­ne­ren Auge auf­fla­ckern. Die Aus­stel­lung ent­stand wäh­rend Fran­zens Aus­ein­an­der­set­zung mit Hein­rich von Kleist, die von Hör­spiel­au­tor Paul Plam­per an­ge­regt war. Plam­per hat­te Fran­zen ge­be­ten, für sein zu er­lau­fen­des Hör­spiel an Kleists To­desort am Wann­see eine Kar­te zu ge­stal­ten. Aus der Flä­che wuchs die Zeich­nung in den Raum. Zur Aus­stel­lungs­er­öff­nung las die Schau­spie­le­rin Cris­tin Kö­nig, wo­durch der um­ge­stülp­te Raum noch mal von ei­nem akus­ti­schen Raum um­ge­stülpt wur­de. So wie das Haus in zwei Hälf­ten ge­teilt war, teil­te Fran­zen sei­ne Aus­stel­lung auch zeit­lich in zwei Hälf­ten. Man ver­steht sei­ne Ar­beit viel­leicht bes­ser, wenn man nicht dar­auf blickt, wie ein Zeich­ner eine Flä­che füllt, son­dern wenn man die Schnit­te an­sieht, die er da­bei un­ter­nimmt. Und wenn man nicht auf das ein­zel­ne Bild blickt, son­dern auf den Pro­zess, der sich über Jah­re ent­fal­tet. Ei­gent­lich, so wer­den wir uns wäh­rend ei­ner Le­sung Ly­dia Lunchs in den KW ei­nig, sind Hei­ner Fran­zens Zeich­nun­gen und In­stal­la­tio­nen Fil­me, be­geh­ba­re Fil­me. „Und wenn man hin­ten raus­geht“, sagt Hei­ner, „ist man schon wie­der am Um­schnei­den.“ Im Sep­tem­ber nimmt Hei­ner Fran­zen an ei­ner Grup­pen­aus­stel­lung in Schloss Mo­y­land teil. Dort steht ihm ein lan­ger Flur zu, ein un­mög­li­cher Raum ei­gent­lich, aus dem Hei­ner sich auf Fran­zen-​Wei­se be­freit: Er macht ihn noch un­mög­li­cher, in­dem er von Tür zu Tür ei­nen Tun­nel mit Gie­bel­dach baut. „Es ist im Prin­zip, als wür­dest du in dei­nem Kopf spa­zie­ren ge­hen“, er­klärt er. „Du willst wis­sen was da­hin­ter liegt, baust aber erst­mal et­was, da­mit du nicht weißt, was da­hin­ter ist.“ Ich glau­be, man muss sich Hei­ner Fran­zens Kopf den­ken wie die sich dre­hen­de Spie­gel­mu­schel im In­ne­ren ei­nes Leucht­turms, fort­wäh­rend um die Aus­leuch­tung der ei­ge­nen Rück­sei­te be­müht, was na­tür­lich nicht klappt, da­für schie­ßen lau­ter brauch­ba­re Si­gna­le nach drau­ßen, die sich al­ler­dings we­gen der Um­dre­hung fort­wäh­rend selbst das Wort ab­schnei­den, und wenn sie wie­der auf­tau­chen, ha­ben sie ihre Ge­stalt ver­än­dert, auch weil sie ja von an­de­ren sich dre­hen­den Spie­gel­mu­scheln zu­rück ge­wor­fen wer­den. Ja, ei­gent­lich ist Hei­ner Fran­zens Kopf viel­leicht eher so eine Art Twis­ter, der ge­gen­läu­fi­ge Dre­hun­gen um ver­schie­de­ne Ach­sen un­ter­nimmt, die wie­der­um lau­fend ihre Win­kel ver­än­dern. Man den­ke sich jetzt noch die fes­ten Auf­hän­ge­punk­te weg und die Schar­nie­re und be­hal­te nur die Be­we­gung im Kopf, ein irr­lich­tern­des Krei­sen im Welt­all, und dann sieht es viel­leicht im ei­ge­nen Kopf zu­min­dest für die Dau­er ei­ner Vier­te­l­um­dre­hung so aus wie im Kopf von Hei­ner Fran­zen.

HF_JW_018.jpg TARNKAPPE - KIT (Karlsruhe Institute of Technology) © photo: Jan Windszus
HF_JW_013.jpg HEINER FRANZEN - 'SCHICHTER' 2011 - wood, paint, marker, pencil, neon 3,20 m x 2,50 m x 6.40 m
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