Heldart

07/2014   Peter Stauss, Martin Walde   The Phantastic 4,4444       ©Fotos Gunter Lepkowski

PDF #18

INTRO

THE PHANTASTIC 4,444 zeigt die bruchstückhaft zerlegten, gigantischen Vorlagen* für den Bronzeguss von Europas größter Quadriga. Diese wurde in den Jahren 2004 bis 2008 für die Königsresidenz Braunschweigs neu produziert.
Die Gruppe aus Siliziumbronze ist mehr als 9 Meter hoch, 7,5 m breit und 9,5 m lang und wiegt im Original 25,8 Tonnen.

Das nach hellenistischem Vorbild 1863 geschaffene Original wurde im 2. Weltkrieg zerstört.

An der Quadriga sind u.a. zwei Dinge besonders:

  1. Sie ist die einzige je auf einem Funktionsbau (Königsresidenz) errichtete Quadriga. Alle anderen sind auf artifiziellen Architekturversatzstücken (Triumphbogen) gebaut.
  2. Unterhalb der Quadriga gelegen, beherbergt die Königsresidenz eine 2007 eröffnete Shopping Mall, die „Schloss-Arkaden Braunschweig“.

In die Anordnung dieser Fragmente gruppieren sich Arbeiten von Martin Walde und Peter Stauss.

Die Skulpturen von Peter Stauss sind aus Tierdung, die Arbeiten von Martin Walde sind von Plasmalicht durchzuckte Glaskörper.

Die aus Tierdung hergestellten Skulpturen von Peter Stauss befragen das Verhältnis von Material und Form. Exkremente werden im Gegensatz zu dem Körper, der sie ausscheidet, tabuisiert und in einer futuristischen Tier-Mensch-Skulptur verräumlicht.

Gleichzeitig verweisen die Arbeiten von Martin Walde auf eine andere Form der Inkonsistenz unseres Realitätsgefüges. Seine Hallucigenia führen vor, wie scheinbar absolute Fakten und Normen abhängig sind von unserer Interpretation.

Beide Positionen sind durch das Dunkle miteinander verbunden. Alles was unbekannt ist, wirkt dunkel in unsere Realität hinein. Über naturwissenschaftliche Fakten können auch kulturanthropologische Drogen, wie identitätsstiftende Mythen, nicht hinwegtäuschen. Das Dunkle bleibt als Hintergrundgeräusch und mahnt, dass der Mensch sich über sich selbst hinaus in eine ungewisse biologische Zukunft gebiert. Das mag heute wie ein Mythos anmuten und kann doch schon morgen eine wissenschaftlich belegte Tatsache bedeuten.

*Die fragmentartigen Vorlagen für die Quadriga wurden freundlicherweise von der Richard Borek Stiftung, Braunschweig zur Verfügung gestellt.
table and chair courtesy of artek

Pressetext erweitert

„Hallucigenia, eine vor ca. 500 Millionen Jahren lebende, (derzeit) den Stummelfüßern zugeordnete Tierart, entfachte unter Wissenschaftlern eine langanhaltende Diskussion über die Anatomie dieser Tiere, die zu nichts weniger als einer Forderung zur Umdrehung der Darwinschen Evolutionstheorie provozierte.

Walde übernimmt das „Prinzip parallel existierender Fiktionen von einem Wesen mit verschiedenen Erscheinungsformen“ für seine Serie, aus der sich auch viele „Fehlversuche“ ergaben, die jedoch unter den Hallucigenia Products ihren gleichberechtigten Platz fanden – “ist doch Hallucigenia selbst ein Wesen, dessen Möglichkeiten sich nicht in falsch oder richtig erschöpfen“, wie Walde anmerkt.“

(Severin Dünser)

 

„Dem Fortschrittsglauben – der Entwicklung hin zum Besseren und Richtigen – stellte ich die Behauptung der gleichberechtigten parallel existierenden Interpretationsversuche und Korrekturen entgegen. Also ein Wesen – Es gibt nur DIE Hallucigenia, aber verschiedene Erscheinungsformen. Alle Hallucigenias sind wahr, sind eins. Die vorhergehenden Schöpfungen werden nicht zu Gunsten der Neuesten verworfen, sondern bleiben bestehen – lediglich das Maß der Fiktion ist verschieden. Die Hallucigenias entstanden seit 1989 jeweils zum Zeitpunkt ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Gleichzeitig diskutíerte ich diese Behauptung mit den Wissenschaftlern. Daraus entstand die Serie der Hallucigenia Products (ab 1992)

In den späten 90er Jahren greifen vermehrt verschiedene kulturelle Bereiche und Medien auf Hallucigenia zu. Literatur, Musik, Design, Comics, Animation und Videospiele, Spielwarenindustrie, Wissenschaftsforen, KünstlerInnen … Die heterogenen Hallucigenia Interessen spiegeln sich im Netz wieder.“

(Martin Walde)

 

„Martin Walde arbeitet seit den 1980er Jahren an der Erweiterung des Kunst- und Naturbegriffs. In seinen Ausstellungen können wir eintauchen in Mikro- und Makrokosmos, Transformationen von Gegenständen erleben und den Metamorphosen von Materialien beiwohnen“.

(Severin Dünser, Pure Science Fiction, in: Kunstraum Dornbirn / Martin Walde, Von Moment zu Moment. Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2013.)

 

„Was geschieht, wenn sich Substanzen zufällig miteinander vermischen. Mit der zunehmenden Produktion und Isolation von Substanzen in verschiedener Konzentration und Aggregatzuständen, die nur in Bruchteilen gesammelt und zur Wiederverwertung aufbereitet werden, steigt auch die Anzahl der unkontrollierbaren Vermischungen, die sich global anlagern und zu immer weiteren Vermischungen mit unkontrollierbaren Konsequenzen führen.

Je größer die chemische Entwicklung desto höher das ungewollte unkontrollierbare Produzieren. Auf diese Weise ist die chemische Produktion seinen alchemistischen Schatten niemals losgeworden. Die Liste der nichtaufgezeichneten, unbeobachteten Ereignisse ist unendlich höher als jene der vermeintlich kontrollierten. Außerhalb der Retorte ist Alles zu bedenken (bedenklich) und wenig zu präzisieren (kontrollieren). Eine wilde anonyme Kreativität/Destruktion mit automatischen Reaktionen konstruktiv/destruktiv im Prozess.

Diese Prozesse als dunkel zu bezeichnen und sie in spezifischer und reduzierter Form ablaufen zu lassen war eine Vorgangsweise, die ich Ende der 80er Jahre verdichtete.

Dann tauchte Hallucigenia auf, unvermutet und voller Versprechen, die Konglomerate der Materie, des Wissens und des Lebens lesbar zu machen und real im Jetzt zu erleben, wie ein Mythos entsteht.“
(Martin Walde)

 

„Ich neige natürlich dazu, die Quadriga unter dem Mensch-Tier- oder besser Humanitas-Animalitas-Verhältnis zu betrachten. Da zeigt sich wie immer ein Triumph der menschlichen Figur, über das Tier. Hier wird es eben unterjocht und vor einen Wagen gespannt, bei anderen antiken Skulpturen wird es getötet oder auf andere Weise bezwungen.

Aber ich denke, es geht natürlich um die Animalitas des Menschen, das Menschentier, das hier bezwungen wird. Das Bemühen, die Position des Menschlichen in Abgrenzung von seinem eigenen Tierstatus zu bestimmen ist wesentlich für die Antike.

Das, was dabei negiert, bekämpft, tabuisiert wird, der Abgrund des Körpers und des Chaos ist natürlich auch konstitutiv, weil sich daran jedes Gegenmotiv bildet.

Die Dualismen sind, Geist und Körper, Ordnung und Chaos, Sprache / Sinn und nacktes Leben (Körper als reine Ausdehnung), etc. …

Die Bändigung des Animalischen, geschieht durch Formalisierung, durch Einschreiben der Körper in das System des Signifikanten, Sinnhaften und des Organischen, in der Kunst durch das Maß.

Bei Artaud gibt es den Begriff des organlosen Körpers. Der Körper, der dem Zugriff des Sinns entzogen ist, der nicht durch aufgezwungene Organisation gebändigt wird.

Bei Deleuze bedeutet Antiödipus ein Sein, das nicht durch wissenschaftliche und gesellschaftliche Formeln gehemmt ist.

Martin behauptet von vornherein ein Lebewesen, das spekulativ ist, also dem erkennenden und Sinn schaffenden Bewusstsein entzogen.

Bei mir ist es ja eher das Wieder-Zusammenfallen von Mensch und Tier, zu einem hybriden Wesen, das jede Sinnbesetzung sabotiert.“

(Peter Stauss)

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0426.jpg Peter Stauss, 2014
0420.jpg Peter Stauss, 2014
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0399.jpg Martin Walde Hallucigenia courtesy of the artist
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0392.jpg Martin Walde
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